Nicht ob. Sondern welche: Gedanken über Bibliothekskataloge im Jahr 2026
Bibliothekskataloge gehören bekanntermaßen zu den Themen, mit denen ich mich besonders gern beschäftige. Gleichzeitig habe ich den Eindruck, dass sie in den letzten Jahren deutlich seltener Gegenstand grundsätzlicher Diskussionen geworden sind. Vielleicht liegt das daran, dass viele Bibliotheken heute ganz andere Herausforderungen bewältigen müssen. Vielleicht aber auch daran, dass die Frage nach dem Katalog für viele längst beantwortet scheint. Gerade deshalb haben mich zwei Projekte, an denen ich in den vergangenen Monaten gearbeitet habe, wieder intensiver darüber nachdenken lassen, welche Rolle ein Bibliothekskatalog im Jahr 2026 eigentlich noch erfüllen soll.
Die erste Erfahrung liegt inzwischen fast ein Jahr zurück. Damals habe ich bei effective WEBWORK am Makeover von Glotrec|Cat mitgearbeitet, einem auf VuFind basierenden Discovery-System. Neben einem Facelift sind damals auch zwei Funktionen entstanden, die ich nach wie vor für ausgesprochen gelungen halte. Kleine Chips mit typischen Suchanfragen sollten Nutzerinnen und Nutzer dazu ermutigen, die Möglichkeiten der Suche auszuprobieren, und ein Suchbaukasten machte komplexe Recherchen möglich, ohne dass man die Suchsyntax kennen musste. Hinter beidem stand dieselbe Überzeugung: Ein Katalog sollte das Potenzial seiner Daten möglichst gut erschließen und Menschen dabei unterstützen, dieses Potenzial auch tatsächlich zu nutzen.
Inspirations-Chips

Chips mit typischen Suchanfragen im Glotrec|Cat
Heute arbeite ich an einem Projekt, das auf den ersten Blick kaum weiter davon entfernt sein könnte. Für eine kleine Spezialbibliothek entsteht ein Webkatalog auf Basis von Zotero und dem WordPress-Plugin Zotpress. Die Suchfunktion ist funktional, aber sicherlich nichts, was man als innovativ bezeichnen würde. Durch eine kleine Erweiterung, die ich geschrieben habe, zeigt sie inzwischen zusätzlich Signaturen und weitere Lokaldaten an. Mehr braucht diese Bibliothek im Grunde auch nicht. Denn eigentlich ging es in dem Projekt nie darum, einen möglichst guten Katalog zu bauen. Ausgangspunkt war vielmehr der Wunsch, ein sehr altes Bibliotheksmanagementsystem abzulösen und gleichzeitig die Erfassung der wenigen Neuzugänge pro Jahr für studentische Mitarbeitende deutlich zu vereinfachen. Dafür ist Zotero schlicht das passendere Werkzeug. Der Katalog entsteht gewissermaßen als Nebenprodukt.
Ein Schmalspur-Katalog für eine Spezialbibliothek

Screenshot eines in Entwicklung befindlichen Katalogs auf Basis von Zotpress
Kataloge ein Spektrum?
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr habe ich das Gefühl, dass diese beiden Projekte ein Spektrum aufspannen. Am einen Ende steht ein Discovery-System, das versucht, Menschen möglichst gut bei der Recherche zu unterstützen und dafür viel Aufwand in die Suchoberfläche investiert. In der Mitte steht ein bewusst einfacher Katalog, dessen Stärke gerade darin liegt, dass er für seinen Zweck völlig ausreicht. Und am anderen Ende dieses Spektrums begegnen mir inzwischen immer häufiger Bibliotheken, die der Frage nach einem eigenen Katalog eher achselzuckend begegnen.
Ganz unbegründet ist diese Haltung nicht. Die erste Literaturrecherche findet heute unabhängig vom Bibliothekstyp meist ganz woanders statt. Gesucht wird bei Google, Google Scholar, in Fachdatenbanken oder inzwischen zunehmend auch mit KI-Werkzeugen. Der Bibliothekskatalog kommt oft erst dann ins Spiel, wenn bereits klar ist, welches Buch oder welcher Aufsatz benötigt wird und nur noch die Frage beantwortet werden soll, ob der Titel vorhanden und verfügbar ist. Gleichzeitig bringen viele Bibliotheksmanagementsysteme der neuen Generation gar keinen eigenen Endnutzerkatalog mehr mit. Wer einen möchte, muss zusätzlich in eine Discovery-Lösung investieren. Vor diesem Hintergrund erscheint die Frage durchaus berechtigt, wie viel Aufmerksamkeit Bibliotheken dem Thema überhaupt noch widmen sollten.
Ich glaube allerdings, dass wir an dieser Stelle häufig über die falsche Frage diskutieren. Es geht nicht darum, ob Bibliotheken noch einen Katalog brauchen. Es geht darum, welche Aufgabe der Katalog in einer konkreten Bibliothek erfüllen soll. Wenn diese Aufgabe unterschiedlich ist, warum sollten dann alle Bibliotheken dieselbe technische Lösung benötigen?
Eigentlich beschreiben die drei Beispiele gar kein Spektrum unterschiedlicher Kataloge. Sie beschreiben ein Spektrum unterschiedlicher Aufgaben. Im ersten Fall geht es darum, komplexe Recherche zu unterstützen. Im zweiten darum, einen Arbeitsprozess möglichst einfach abzubilden. Im dritten Fall reicht es vielen Bibliotheken inzwischen aus, Besitz nachzuweisen und Verfügbarkeiten anzuzeigen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Veränderung der letzten Jahre.
Meine alte Leier: Wissenslandkarten und Ranking
Zwei Gedanken begleiten mich in diesem Zusammenhang schon seit längerer Zeit, und die beiden Projekte haben mich eher darin bestärkt als auf neue Ideen gebracht.
Der erste Gedanke ist, Bibliothekskataloge stärker als Themenportale zu verstehen. Warum sollte eine Suche nach Kochbüchern, nach Literatur zur empirischen Sozialforschung oder nach einer historischen Persönlichkeit zwangsläufig in einer langen Trefferliste enden? Bibliotheken verfügen über enormes Fachwissen und investieren viel Arbeit in die Erschließung ihrer Bestände. Ein Teil dieses Wissens ließe sich sichtbar machen: durch kuratierte Einstiegsseiten, Leseempfehlungen, thematische Sammlungen, Hinweise auf Datenbanken, Veranstaltungen oder digitale Angebote. Oder man geht noch weiter und fängt an, den Katalog als lebendige Wissenslandkarte zu begreifen. Beziehungen zwischen Personen, Werken, Themen, Orten oder Zeiträumen ließen sich sichtbar machen und würden den Bestand nicht nur durchsuchbar, sondern auch erkundbar machen. Gerade Spezialbibliotheken könnten ihre Sammlungen auf diese Weise viel stärker kontextualisieren und ihre besonderen Schwerpunkte sichtbar machen.
Der zweite Gedanke betrifft das Relevanz-Ranking. Ehrlich gesagt erzähle ich diese Geschichte seit Jahren und wundere mich jedes Mal ein bisschen, dass sie kaum aufgegriffen wird. Bibliotheken – jedenfalls diejenigen, die in Verbünden organisiert sind – verfügen über Informationen, die sich mit vergleichsweise geringem Aufwand in die Bewertung von Suchergebnissen einbeziehen ließen. Trotzdem behandeln viele Kataloge jeden Titel zunächst einmal gleich. Warum sollte es für die Relevanz keine Rolle spielen, dass ein Titel von mehreren hundert Bibliotheken nachgewiesen wird? Oder dass er sich über Jahrzehnte als Standardwerk etabliert hat? Natürlich dürfen solche Informationen nicht zum einzigen Rankingfaktor werden. Aber sie wären ein zusätzliches Signal, das wir längst hätten nutzen können. Stattdessen diskutieren wir seit Jahren über immer neue Suchoberflächen, während eine der naheliegendsten Möglichkeiten, Suchergebnisse für viele Menschen sinnvoller zu sortieren, weitgehend ungenutzt bleibt. Für mich gehört das zu den niedrig hängenden Früchten im Bibliothekswesen.
Wohin geht die Reise?
Daneben gibt es Ideen, bei denen ich selbst noch nicht weiß, wohin sie führen werden. Vielleicht braucht der Katalog künftig in manchen Bibliotheken gar keine eigene Oberfläche mehr und wird stattdessen zu einer Dateninfrastruktur mit hochwertigen Metadaten, Identifikatoren und offenen Schnittstellen, die von Suchmaschinen, Fachportalen oder KI-Systemen genutzt wird. Und wahrscheinlich wird auch die natürlichsprachige Recherche selbstverständlich werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass Menschen künftig Sätze formulieren wie: „Ich suche einen gut verständlichen Einstieg in die empirische Sozialforschung.“ Die eigentliche Leistung des Katalogs bestünde dann nicht darin, diese Frage selbst zu beantworten, sondern sie in eine gute Recherche zu übersetzen.
Vielleicht besteht die wichtigste Veränderung am Ende aber gar nicht in einer neuen Technologie oder einer neuen Oberfläche. Vielleicht sollten wir uns schlicht daran gewöhnen, dass es den Bibliothekskatalog nicht mehr gibt. Es gibt Discovery-Systeme, Webkataloge, Rechercheoberflächen, Datenhubs und wahrscheinlich noch einiges dazwischen. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben für unterschiedliche Bibliotheken. Nicht ob wir Bibliothekskataloge brauchen, ist deshalb für mich die interessante Frage. Sondern welche.